| Computerwitze | 11-Okt-1997 |
Darf man mit Bildern vom elektrischen Stuhl für
Pullover werben ?
Mit Umweltkatastrophen und
menschlichen Tragödien ?
Olivero Toscani tut´s
und attackiert gleichzeitig die heile Welt der
Werbung als "parfümiertes Stück Aas"
Aufgrund folgender Untaten erkläre ich hiermit den Prozess gegen die
Werbung für eröffnet:
DIE ANKLAGE:
"Die Werbung ist ein parfürmiertes Stück Aas"
Halleluja ! Treten Sie ein in die beste aller Welten, das Paradies auf
Erden, das Reich der Glückseligkeit des sichern Erfolgs und der ewigen
Jugend. In diesem Wunderland mit immer blauem Himmel trübt kein saurer
Regen das glänzende Grün der Blätter, nicht der kleinste Pickel wölbt
die babyrosa Haut der Mädchen, und niemals verunziert ein Kratzer die
spiegelblanken Karosserien der Autos. Auf leergefegten Strassen fahren
junge Frauen mit langen, braungebrannten Beinen in schimmernden
Limousinen, die soeben aus der Waschanlage kommen.
Unfälle, Glatteis, Radarkontrollen und geplatzte Reifen sind ihnen fremd.
Wie Aale schlängeln sie sich durch die Staus der Grossstädte, gleiten
gräuschlos zu geräumigen Altbauwohnungen oder zu luxoriösen Wochenend-
häusern mit unbezahlbaren Möbeln. Dort erwarten sie Opapa und Omama -
natürlich in Topform - in mitten eines Blumenmeeres und zu den heiteren
Klängen eines Violinkonzerts. Die Kinder hüpfen lachend um sie herum und
sind ausser sich vor Freude. Sie weinen nicht mehr, bekommen nie Läuse
oder Scharlach und sie stecken auch niemals die Finger in die Steckdose.
Ihre Mami - zwanzig Jahre alt, kein Gramm Zellulitis und ohne einen
einzigen Schwangerschaftsstreifen- wickelt singend die strammen Babypops,
die niemals vollgeschissen sind, sondern wunderbar duften.
Gutaussehende junge Banker empfangen Papi, ihren besten Freund, in ihren
Bürolandschaften und versprechen ihm das süsse Leben. Keine Engpässe mehr
am Monatsende, Kredite, Finanzierungspläne, Rentenversicherung, Bauspar-
pläne - kein Problem ! Aufgeklärt, ach was: erleuchtet geht Papi nach
Hause,jetzt ist Schluss mit der Krise, Schluss mit Entlassungen, Arbeits-
losigkeit, Konkusverfahren. Mit seiner neuen Kreditkarte gehört ihm die
Welt, er kann mal eben nach Saint-Tropez oder nach Bangkok jetten, mit
Sohnemann auf den Malediven Haie fischen oder sich in einem Vier-Sterne-
Hotel in Guayaquil mit Mädchen in String-Bikinis amüsieren. Keine schlaf-
losen Nächte mehr, es genügt, die Zauberkarte in den Traumautomaten zu
schieben - lebe jetzt, zahle später. Begeistert ruft er, Telefonrechnung
hin oder her,Mami an,die sich eine ihrer zahllosen Schönheitskuren in den
Bergen oder an einem Palmenstrand (aber ohne Eingeborene) gönnt.
Wozu sich Sorgen machen ? Braungebrannte Vierziger hinter imposanten
Schreibtischen kümmern sich um alles und versichern Sie gegen alle
Risiken und alle Krankheiten - aber psst! dieses Wort ist hier verboten !
Sie erstatten Ihnen, ohne mit der Wimper zu zucken, alle Artzkosten und
sorgen dafür,dass Sie Ihren Ruhestand in einem Landhaus mit nachgemachtem
Fachwerk und altmodischem Kachelofen verbringen können.
Diese idylische Welt ist das künstliche und abgeschmackte Reich der
Werbung, die uns seit bald dreissig Jahren verblödet.
Oliviero Toscani